Nah am Wasser gebaut.
Wahrscheinlich ist Jörg Remus der einzige Mensch in Köln, der auf Hochwasser hofft. Der 37-Jährige lebt auf einem selbst gebauten Hausboot im Hafen von Köln-Mülheim. Noch steht sein Schiff allerdings auf dem Trockenen.
Zu niedriger Pegel
Dienstagnachmittag auf dem Gelände der Kölner Schiffswerft Deutz. Gestern noch hatte der Rhein einen Wasserstand von mehr als sechs Metern. Jetzt fällt der Pegel wieder. Es hat also nicht gereicht. Denn um die Kosten für das Wassern zu sparen, will Remus sein Hausboot vom Rhein anheben lassen. Und dazu muss der Strom auf mindestens 8,90 Meter anschwellen. Doch der Bootsbesitzer bleibt entspannt. Dann eben beim nächsten Mal.
Drei Meter über Grund
Jörg Remus lässt seinen Blick über den Hafen schweifen. Die Tür zur Terrasse steht offen. Aus der Propellerwerkstatt am anderen Ufer hört man leises Hämmern. Einige Meter weiter liegt ein Tanker aus der Schweiz, bereit zum Ablegen. „Das Leben im Hafen ist großartig – ein eigener, kleiner Kosmos“, schwärmt er. Schreiner, Metallbauer und Bootsreparateure leben und arbeiten hier Tür an Tür. Künstler nutzen die alten Hallen als Atelier. „Ich hatte fest vor, spätestens in diesem Frühjahr einen Kran zu bestellen. Aber im Grunde spielt es für meinen Traum gar keine Rolle mehr, ob ich im Wasser bin oder drei Meter darüber schwebe“, überlegt der 37-Jährige.
Romantische Langeweile
Wasser und Meer liebt Remus seit seiner Kindheit. Mit Anfang 20 träumt er das erste Mal vom eigenen Boot. „Dass man mit einem Schiff jeden Punkt der Welt erreichen kann, hat mich fasziniert.“ Und noch ein zweiter Gedanke lässt ihn nicht los: Dass ein Boot nicht so teuer sein kann für jemanden, der handwerklich begabt ist. Zwei Jahre später kauft er die Seebär, Baujahr 1939. Im Mai 1996 geht es mit dem Segelboot erstmals den Rhein hinunter. Ein Jahr lang will er mit seiner damaligen Freundin über holländische und belgische Kanäle bis ins Mittelmeer und an die türkische Küste. Beim ersten stärkeren Sturm stellt sich heraus, dass das Boot schlecht segelt. Nach einem halben Jahr ist das Abenteuer vorbei. „Jeden Abend schöne Buchten und romantische Sonnenuntergänge“, erinnert sich Remus heute, „dass war uns auf einmal langweilig geworden.“
Do-it-yourself Schnabeltier
2001 packt den gebürtigen Neusser erneut das Fernweh. Er fliegt nach Thailand, Australien, Neuseeland. Selbsterfahrung am anderen Ende der Erde. „Ich hatte gerade eine Trennung hinter mir. Deutschland wurde mir zu eng“, erzählt der Weltenbummler. Tasmanien und eine neue Liebe bringen ihn auf andere Gedanken. Die Nächte in einer romantischen Holzhütte schärfen seinen Blick: Eine Küche, ein Bad, ein Holzofen und ein Wohn- und Schlafzimmer auf engstem Raum, dazu eine atemberaubende Sicht auf die Natur – braucht er mehr, um glücklich zu sein? Die Idee zu seinem Hausboot nimmt Formen an. Platypus soll es heißen, wie das seltene australische Schnabeltier. Zwei Jahre recherchiert Jörg Remus in Kölner Büchereien und Buchhandlungen, im November 2003 ist Baubeginn.
2 Zi-Whg., 50 m2, Außentoilette, Rheinblick.
Frische Luft weht herein. Jörg Remus trinkt einen Schluck Kaffee. Auf rund 40 Quadratmetern hat er eine Küchenzeile, ein Sofa, einen Schreibtisch, einen Ofen und Platz für ein Bad. In einem Holzregal stehen zahlreiche Bücher über Boote und das Segeln. Eine steile Treppe führt zum Schlafzimmer, eine weitere Stiege auf die Dachterrasse. Noch erfordert das Leben an Bord einige Kompromisse. Dort, wo einmal das Bad sein soll, stehen momentan noch Kisten und Farbeimer. Remus stört das nicht. Schräg über den Hof liegen Dusche und Toilette der Werftarbeiter. „Im Grunde bin ich umso glücklicher, je weniger ich besitze.“ Gebaut hat Jörg Remus seine Platypus in einer Scheune außerhalb von Köln. Neben seiner Arbeit als Sendeabwickler beim Fernsehen werkelte er in jeder freien Minute an seinem Traum. Seit September 2004 steht das Boot nun im Mülheimer Hafen, ein Jahr später waren auch die Schwimmer montiert. Seitdem wartet Jörg Remus darauf, dass der Rhein über die Ufer tritt.
Theoretisch schwimmfähig
„Natürlich hatten einige Freunde und Bekannte Zweifel“, erinnert sich der Bastler, „im Gegensatz zu den Leuten vom Fach.“ Remus grinst beruhigt. Auch die ermunternden Reaktionen auf den Baufortschritt, den er auf seiner Internetseite dokumentiert, haben ihn motiviert. Dennoch ist auch er selbst neugierig, ob sein Werk im Wasser Schlagseite bekommt. „Die Seetüchtigkeit ist nur theoretisch berechnet“, gibt Remus zu. Die Vorhersagen der Hochwasserschutzzentrale hat er stets im Blick. 8,90 Meter - das letzte Mal wurden sie im Januar 2003 erreicht, davor im März 2001. Heute Abend wird Jörg Remus auf seiner Terrasse sitzen und den Tag bei einem Bitburger ausklingen lassen – und dabei ein bisschen bedauern, dass der Rheinpegel wieder sinkt.














