Braukunst – Die Seele des Bieres
Wenn Ende August die Ernte beginnt, liegt bereits ein Jahr Mühe hinter der Holsthumer Hopfenpflanzer-Familie Dick. Und noch mehr Arbeit vor ihnen. Doch für den Siegelhopfen, der Seele der Bitburger Biere, lohnt jede Anstrengung.
Ernte gut, alles gut
Die ersten Sonnenstrahlen lichten den Morgennebel über Holsthum, ein Bild wie aus einer Urlaubsbroschüre. Aber Andreas Dick hat für die ländliche Idylle am Rande des kleinen Eifeldörfchens kein Auge. Konzentriert steuert der 33jährige Juniorchef den Traktor durch den Hopfengarten und schneidet Pflanze um Pflanze ein Stück aus der grünen Wand hunderter von Ranken.
Anfang September ist die Ernte in vollem Gange und in den kommenden drei Wochen wird auf dem Hof der Hopfenpflanzer-Familie Dick nur wenig anderes gemacht als geerntet, getrennt, gehäckselt, gedarrt, abgesackt und gesiegelt – von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Ein harter Job für Andreas Dick, Seniorchef Herbert Dick und fünf Erntehelfer – auch wenn Spezialmaschinen die Erntearbeit erleichtern.
Die Besten kommen auf den Boden
Mit dem V-förmigen Haken am Spezialanbau des Traktors klemmt Andreas Dick eine der bis zu acht Meter hohen Hopfenranken ein und kappt sie knapp über dem Boden. Durch die Vorwärtsbewegung wird die Pflanze am oberen Haltedraht abgerissen und auf den Anhänger gezogen. So geht das im Minutentakt, bis der Anhänger unter der Ladung fast nicht mehr zu sehen ist.
Auf dem Hof hört man die Pflückmaschine noch bevor man sie sieht. Jedes Geräusch dieses Ungetüms aus Stahl, Walzen und Bändern wird wachsam verfolgt, denn ein Stillstand brächte die Ernte in Verzug. Müsste der Ertrag der rund 20 Hektar von Hand gepflückt werden, bräuchte man dafür etwa 400 Pflücker. Und viel Zeit.
Mit stoischer Ruhe hängt ein Erntehelfer Ranke um Ranke an einen der Haken, der die Pflanzen in den Schlund der Maschine zieht. Dort trennen rotierende Walzen die Dolden von der Rebe, Förderbänder tragen sie direkt auf den obersten Darrboden. Der Rest wird gehäckselt und landet wieder als Gründünger auf dem Feld.
Wochenlange Trockenheit
Herbert Dick prüft den Hopfen auf dem obersten Darrboden, drei Stockwerke über der Hopfenhalle. In der warmen Luft des Trockenbodens können die sattgrünen, frisch geernteten Dolden ihr einzigartiges Aroma nach Zitronen und grünen Äpfeln entfalten. Die Ursache für die Wärme findet sich ein Stockwerk tiefer. In einer drei auf fünf Meter großen Stahlschublade werden die Dolden bei 60 Grad Celsius auf zehn Prozent ihres ursprünglichen Feuchtigkeitsgehalts getrocknet und damit haltbar gemacht. Alle zwei Stunden wird neu befüllt, rund um die Uhr. Zur Prüfung des Ergebnisses genügt dem Senior ein Blick und ein Handgriff.
Nach der Trocknung lagert der Hopfen noch eine Woche in der darunter liegenden Etage. Würde er vor dem Verpacken und Siegeln nicht wieder etwas Feuchtigkeit aufnehmen, er würde zu Staub zerfallen. 36,5 Tonnen feinster Siegelhopfen werden in diesem Jahr an die Bitburger Brauerei geliefert. Genug, um damit unzähligen Litern Bitburger Bier ihren ganz besonderen Geschmack zu verleihen.
Mehrfach einzigartig
Hopfenanbau hat in Holsthum Tradition. Doch seit den 60er Jahren sind die Dicks nicht nur die einzigen Hopfenpflanzer in der 560-Seelengemeinde, sondern im ganzen Rheinland. Eines von nur sieben Anbaugebieten in Deutschland, dessen Hopfen zertifiziert werden kann und als Siegelhopfen verkauft werden darf.
Die Hopfengärten zwischen einem Weizen- und einem Weinanbaugebiet bieten ideale Bedingungen; die Böden, die windgeschützte Lage im Prümtal und die warmen Winde von der Mosel begünstigen das Wachstum. Und prägen den Charakter der Sorten mit so klangvollen Namen wie „Perle“, „Tradition“ und „Magnum“.
Über 20 Jahre lang wurde hier, gemeinsam mit Bitburger, der Siegelhopfen gezüchtet, der den Bitburger Bieren ihren einzigartigen Geschmack verleiht. Eine Partnerschaft die verbindet. „Es gibt keine zweite deutsche Brauerei, die den Hopfen direkt vor der Haustüre kaufen kann“, sagt Andreas Dick. „Ein echtes Bitburger Bier kann eben nur in der Eifel aus den besten Zutaten gebraut werden“.
Schweißtreibende Feldstudien
Von der Nähe zu den Holsthumer Hopfenpflanzern profitieren auch die Auszubildenden zum Brauer und Mälzer der Bitburger Brauerei. Sebastian Mosbacher und Lukas Schwenker haben Anfang August ihr erstes Lehrjahr begonnen. Während ihrer Ausbildung werden sie alle Bereiche, von der Ernte der Rohstoffe bis zur Abfüllung, kennen lernen.
Direkt vor Ort in einem dreiwöchigen Praktikum mehr über den Hopfen zu erfahren, empfinden sie als echtes Privileg. Die damit verbundene Arbeit nicht immer. Denn im Augenblick ernten sie von Hand die Hopfenranken, die von der Maschine nicht erfasst wurden. Eine schweißtreibende Tätigkeit, die beiden eine Ahnung vermittelt, wie noch vor rund 40 Jahren geerntet wurde. Trotz der Plackerei fällt die Bilanz der ersten Tage positiv aus. „Welche andere Brauerei hat schon einen Hopfengarten direkt vor der Haustür“, sagt Sebastian Mosbacher. Und sein Kollege Schwenker ergänzt: „Hier bei den Dicks erfahren wir vermutlich mehr über Hopfen, als in jedem Fachbuch“.
Auf die Gesundheit!
Herbert Dick ist Pflanzer mit Leib und Seele. Von ihm kann man alles über Humulus lupulus, so der botanische Name, erfahren. Zum Beispiel dass der Hopfengarten auch „Nonnengarten“ genannt wird. „Für den Brauhopfen werden nur weibliche Pflanzen angebaut“, sagt Dick. „Denn nur die unbefruchteten weiblichen Blüten werden zu den lupulinhaltigen, aromareichen Dolden“. Die darin enthaltenen Aroma- und Bitterstoffe verleihen dem Bier seinen feinherben Geschmack, sorgen für die Schaumkrone und machen es ohne chemische Zusätze haltbar.
Dass meist nur über die gesundheitsfördernde Wirkung von Wein gesprochen wird, ärgert Dick. „Hopfen enthält ebenso viele gesunde Wirkstoffe. Seine beruhigende Wirkung kannte man schon im Mittelalter. Neuere Forschungen zeigen, dass er sogar den Cholesterinspiegel senken und Herzerkrankungen verhindern kann“. Darum wird hier auch ausschließlich kontrolliert-integrierter Anbau betrieben. Ohne Herbizide, dafür mit umso mehr persönlichem Einsatz.
Tägliche Besuchszeiten
Eine Redensart sagt: Der Hopfen will seinen Herrn jeden Tag sehen. Gleich nach der Ernte beginnen Reparaturen an der Gerüstanlage. Auf jedem Hektar tragen rund 170 Stämme ein Netz aus Querseilen und Längsdrähten, das bei jedem Wetter ein Gewicht von bis zu 100 Tonnen Hopfen tragen muss.
Bis zu 80 Jahre können die Reben alt werden – sorgsame Pflege vorausgesetzt. Dazu gehört auch der Erhalt der Bodenfruchtbarkeit. „Der Boden ist unser Kapital“, sagt Herbert Dick. „Was ihm die Pflanze entzieht, muss auch wieder zugeführt werden“. Gründünger gibt dem Boden Nährstoffe zurück, die Begrünung der Hopfengärten sorgt für eine gesunde Flora.
Im Frühjahr werden in Handarbeit die 60-100 neuen Triebe einer Rebe auf die vier, fünf kräftigsten reduziert und anschließend an den senkrechten Stahldrähten „aufgeleitet“. Mit rund 10 Zentimetern am Tag wächst die Ranke in den folgenden 100 Tagen in den Himmel. Bis aus Blüten Dolden geworden sind und mit der Ernte der Kreislauf neu beginnt.














